Bunkafu — Tabulatur-Notation lesen für Shamisen

bunkafu notation notenblatt
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Die Bunkafu-Notation ist die Tabulaturnotation für Shamisen. Die Notation ist sehr plakativ und deshalb sehr schnell und leicht zu lernen. In diesem Überblick wird erklärt, wie man diese Notation liest und was die interessanten Sonderzeichen bedeuten.

Was die Bunkafu-Notation leistet

Bei der Bunkafu-Notation handelt es sich um eine Tabulaturnotation. In der klassischen westlichen Notation wird mit den Notenköpfen auf dem fünflinigen System der erklingende Tonverlauf graphisch dargestellt. Das bedeutet, was auf einer tiefen Linie steht, klingt auch tiefer als das, was auf einer höheren Linie steht. Wir haben also eine graphische Repräsentation des Klangbildes. Bei der Tabulaturnotation handelt es sich dagegen um eine Gebrauchsanweisung für das Instrument, um ein bestimmtes Lied zu spielen. Dem Spieler wird angezeigt, wann welche Position auf welcher Seite gedrückt werden muss. Das Klangbild kann man auf den ersten Blick nicht erkennen – abgesehen vom Rhythmus.

Aufbau und Elemente der Bunkafu-Notation

Die wichtigsten Elemente der Notation sind im Allgemeinen und auch in der Bunkafu-Notation die Tonhöhen, die Tonwerte und Pausenwerte, das Taktmaß und die Stimmung, Wiederholungszeichen, Technikangaben und Fingersätze.
Beispiel Bunkafu Notation

Kopfteil eines typischen Notenblatts in Bunkafu-Notation.

Notenlinien 

Die drei Linien der Notation stehen für die drei Saiten der Shamisen. Die Linien sind so angeordnet, wie die Saiten beim Spielen vor einem liegen: Die unterste Linie repräsentiert die dicke Saite, die dem Spieler am nächsten ist, die oberste Linie repräsentiert die dünne Saite, die am weitesten entfernt vom Spieler liegt.

bunkafu notation linien und saiten

Notenlinien der Bunkafu-Notation und Saiten auf der Shamisen, wie sie beim Spielen vor einem liegen.

Tonhöhen

Die Tonhöhen werden anders als in der westlichen Notation nicht konkret dargestellt. Die Zahlen stehen für bestimmte Positionen am Hals der Shamisen, die aber je nach Stimmung und Stimmlage in unterschiedlichen Tönen/Frequenzen resultieren.
Die gebräuchlisten Positionen am Hals reichen von 0 (leere Saite) bis zur 19. Bei Instrumenten mit einem geschwungenen Griffbrett, wie beim Nagauta-Stil, können keine Positionen oberhalb der 18 oder 19 gegriffen werden.
bunkafu notation positionen am sao shamisen

Tonhöhen der Positionen auf der dicken Saite (Ichi no Ito) bei Stimmung über c.

Die Positionen sind jeweils einen Halbtonschritt voneinander entfernt, entsprechen also allen weißen und schwarzen Tasten auf einer Klaviatur.

 

Klaviatur Shamisen Positionen bunkafu

Korrespondierende Klaviertasten für alle Positionen auf der dicken Saite (Ichi no Ito) bei Stimmung über c.

Anleitung: Wenn ihr noch keine Positionsmarkierungen an eurem Hals habt aber gerne welche hättet, empfehle ich euch diesen Artikel über Fujaku Strip und Positionen und das dazugehörige Video, in der ich eine genaue Schritt-für-Schritt Anleitung zum finden und Markieren der Positionen gebe.

Striche

Die Striche unter den Zahlen spezifizieren die Tonlänge und entsprechen von der Logik her den Fähnchen in der westlichen Notation. Das bedeutet, je mehr Striche unter einer Zahl stehen, desto kürzer klingt der Ton. Die Tonlängen bauen aufeinander auf: ein Ton mit einem Strich klingt halb so lang wie ein Ton ohne Strich. Ein Ton mit zwei Strichen klingt halb so lang wie ein Ton mit einem Strich. Das bedeutet, wenn in einen Takt zwei Töne ohne Strich passen, kann man die doppelte Anzahl an Tönen mit einem Strich oder die vierfache Anzahl an Tönen mit zwei Strichen darin unterbringen.
tonwerte in der bunkafu notation und westlicher notation

Tonwerte im Vergleich: westliche Notation und Bunkafu-Notation. Beide folgen der gleichen Logik.

Punkte

Dankenswerter Weise werden die Pausen rhythmisch genau so notiert wie die Töne. Eine Pause wird durch einen dicken schwarzen Punkt angezeigt, der auf einer der Linien steht.
pausenwerte in bunkafu notation und westlicher notation

Pausenwerte im Vergleich. In der westlichen Notation muss man die Zeichen separat lernen. In der Bunkafu-Notation folgt die Bestimmung der Pausenwerte dem gleichen Schema wie die der Tonwerte.

Steht ein kleiner Punkt neben einer Note, dann gehört das zur Tonlängenbestimmung. Die Punktierung eines Tones bedeutet, dass der Ton um die Hälfte seines Wertes verlängert wird. Eine Note ohne Strich ist, wie oben dargestellt, so lang wie zwei Noten mit einem Strich. Eine Note ohne Strich und mit einer Punktierung wird um die Hälfte ihres Wertes verlängert; sie ist dann so lang wie drei Noten mit einem Strich.
Punktierung Bunkafu Notation Shamisen

Normale vs. punktierte Note. Die Punktierung verlängert einen Ton jeweils um die Hälfte seines Wertes.

Wiederholungszeichen

Wiederholung von Takten

Was aussieht, wie ein Franzbrötchen-Prozentzeichen ist ein Wiederholungszeichen für einen Takt, und gehört zu den so genannten Abbreviaturen oder auch „Faulenzern“. Der Takt, der vor dem Zeichen steht, wird einfach noch einmal gespielt. Wenn das Zeichen auf einem Taktstrich steht, bedeutet es, dass die letzten zwei Takte wiederholt werden. Dieses Zeichen erspart nicht nur Arbeit beim Schreiben, sondern erleichtert auch das Lesen und Spielen, weil der Spieler genau weiß, dass nichts „Neues“ kommt und er einfach nur das eben Gespielte wiederholen muss.
bunkafu notation faulenzer beispiel

links: Faulenzer im Notenbild. Der vorherige Takt wird wiederholt. | rechts: Faulenzer in groß.

Wiederholung von Passagen

Auch die „Codierung“ für Wiederholungen von ganzen Abschnitten wurde aus der westlichen Notation übernommen und wird gekennzeichnet durch einen Doppelpunkt am Anfang des ersten und am Ende des letzten des zu wiederholenden Teils. Wiederholt wird alles, was zwischen den Doppelpunkten steht.

Die Doppelpunkte stehen am Taktanfang des ersten zu wiederholenden Taktes und am Taktende des letzten zu wiederholenden Taktes einer Passage.

Tritt das Zeichen ausnahmsweise nicht paarweise auf, sondern es findet sich nur der schließende Teil am Ende eines Taktes, wird vom Anfang des Liedes an wiederholt.

Technikanweisungen

Direkt unter oder über den Tönen notiert, auf die sie angewendet werden sollen, finden sich Technikanweisungen. Grundsätzlich soll immer der Ton klingen, der notiert ist.
1 – Sukui
2 – Hajiki
3 – Uchi
4 – Suri
5 – Oshibachi/Suberi
6 – Keshi
bunkafu notation technik

Beispiele für Oshibachi/Suberi, Sukui und Hajiki im Notenbild.

bunkafu notation technik

Beispiele für Suri und Uchi im Notenbild.

bunkafu notation technik

Beispiel für Keshi im Notenbild. Das Keshi steht normalerweise unter einer Pause und zeigt an, dass man die Note vor der Pause nicht in die Pause hineinklingen lassen soll, sondern die Saite für absolute Stille abdämpft.

Verwechslungsgefahr: Der Haltebogen benutzt genau das gleiche Zeichen wie das Suri, sollte aber nicht mit ihm verwechselt werden. Der Haltebogen zeigt an, dass zwei separat notierte Töne als eine lückenlose Einheit gespielt werden. Dabei handelt es sich immer um zwei gleiche Töne, also beispielsweise 3 und 3. In Shamisen-Notation taucht der Haltebogen i.d.R. über eine Taktgrenze hinweg auf. Das zeigt an, dass der Ton über die Taktgrenze hinaus gehalten wird (deswegen Haltebogen). Haltebögen findet man in modernen Kompositionen für Shamisen. Das Suri dagegen zeigt ein Rutschen zwischen zwei verschiedenen Tönen an. Hat man also zwei verschiedene Töne, beispielsweise 3 und 4, handelt es sich auf jeden Fall um ein Suri und nicht um einen Haltebogen.

Fingersatz

Die römischen Zahlen, die über oder unter den Noten stehen, sind Fingersätze, also Anweisungen bzw. Empfehlungen, mit welchem Finger eine Position gegriffen werden soll. I = Zeigefinger II = Mittelfinger III = Ringfinger IV = kleiner Finger. Der kleine Finger gilt in traditionellen Stücken als tabu und wird nur in modernen Stücken genutzt.

Der Kopf des Notenblatts

Im oberen Teil des Notenblattes stehen normalerweise in Groß der Titel, dann rechts der Komponist und darunter Taktmaß und Stimmung. 

Das Taktmaß

Das Taktmaß ist oft nicht präzise und meines Erachtens oft irreführend. Ohne jetzt zu tief in die Materie eintauchen zu wollen, möchte ich doch kurz einen häufigen und deshalb wichtigen Sondertypen ansprechen: Manchmal hat das Taktmaß den Zusatz hazunde – und manchmal fehlt der Zusatz sogar und es wird einfach vorausgesetzt, dass weiß, dass es zur Anwendung komt. Hazunde bedeutet in der Umsetzung, dass der Rhythmus im so genannten Shuffle gespielt wird, obwohl er gerade notiert ist. Am einfachsten lässt sich der Shuffle als Herzschlagrhythmus beschreiben.
hazunde in bunkafu-notation

Die Anweisung für den Hazunde-Rhythmus steht oben neben Taktmaß und Stimmung. Manchmal fehlt die Angabe komplett und das Wissen wird vorausgesetzt bzw. wird grundsätzlich davon ausgegangen, dass der Spieler einen Lehrer hat, der darüber dann aufklären würde.

hazunde in richtiger Rhythmusnotation

Hier im direkten Vergleich, was notiert ist (oben) und wie es eigentlich in Hazunde-Rhythmus klingen soll (unten).

Gerade bei schnellen Noten und Verzierungen kann das am Anfang eine Herausforderung sein. Mein bester Tipp, für alle, die Schwierigkeiten damit haben: Grooven.
Weil das ein bisschen Überwindung kostet und der Körper und das Hirn sich gerne mal wehren, ist hierzu ein ausführlicher Artikel mit Mitmach-Tutorial geplant, das ich hoffentlich bald in die Tat umsetzen kann.

Macht mehr möglich!

Wenn ihr das Entstehen und Vorankommen von Projekten und Tutorials antreiben und voranbringen wollt, könnt ihr entweder eine Spende in die Kaffeekasse geben oder die Shamisen-Zentrale bei Patreon unterstützen.

Es fällt einem vielleicht leichter, sich auf die Rhythmusnotation einzulassen, wenn man es als Gedächtnisstütze begreift. Lieder wurden früher mündlich überliefert und direkt vom Meister an den Schüler übermittelt. Der Schüler hat das Stück durch Nachahmung vom Lehrer gelernt und wurde bei Fehlern entsprechend korrigiert. Die Noten sind auch heute vor allem eine Gedächtnishilfe, denn um ein Stück richtig zu spielen und in seinen musikalischen Facetten zu begreifen, bedarf es eines Lehrers oder einer Vorbilds in Form von Aufnahmen, die einen lehren, was zwischen den Zeilen geschrieben steht. Gerade was Nuancen in Rhythmus, Phrasierung und das Bachizuke (Wechsel zwischen Maebachi und Ushirobachi) angeht, fehlen entsprechende Hinweise in der Notation in der Regel.

Andere Zeichen

Andere Zeichen, die für das unmittelbare Spielen zunächst nicht notwendig sind und die ich gerne ausführlich in separaten Artikeln behandeln werde, sind:
Taiko-Notation
Kuchishoga
Gesangsnotation (Text und teilweise auch Melodie)

Studieren durch Probieren

Wenn ihr auf der Suche nach Noten seid, empfehle ich einen Blick in den Shami-Shop. Dort gibt es Noten für Minyou, Nagauta, Jiuta, Kouta und Hauta.

Hier das Video zum Artikel ansehen:

Wem das gesprochene Wort mehr liegt, kann sich ergänzend gerne noch das Video zum Thema auf YouTube anschauen.

Hier das Video zum Artikel ansehen:

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